Wahlnachsorge (2): OMG, was habe ich getan?!

(10.10.17) OMG*, was habe ich bloß getan? Ich bin schuld am Bundestagswahldesaster. Ich ganz allein trage die Schuld, dass Martin Schulz bald nach Jamaika ins Exil geht. Schon zwei Wochen schleppe ich mein grottenschlechtes Gewissen mit mir herum. Jetzt. Kann. Ich. Nicht. Mehr. Es muss raus: Am 24. September habe ich mich staatsbürgerlich vergessen und Sonstige gewählt.

Schuld ist nur der Wahl-O-Mat. Im Nachhinein kann ich mir nicht mehr erklären, was mich geritten hat, tatsächlich so zu wählen, wie es dieses Teufelsteil ausgespuckt hat. Seit 15 Jahren gibt es dieses Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung. Und seit ebendiesen 15 Jahren schlägt mir der O-Mat bei jeder Wahlgelegenheit diese kleine sympathische Partei aus dem ökologisch-demokratischen Spektrum vor. Die Übereinstimmung liegt stets um die 90 Prozent. Aber ist das ein Grund, die auch zu wählen?!

Der Opa hat 1976 die Sondersendung des ZDF zum 10. Todestag von Konrad Adenauer noch voller Ehrfurcht im Stehen gesehen. 90 Minuten. So etwas verpflichtet. Seit ich Wahlscheine falten darf, habe ich deshalb West- und dann auch Ganzdeutschland stets verlässlich stabile Verhältnisse verschafft.

Doch jetzt habe ich am 24. September eine Stunde vor Urnenschluss in einem kurzen, unbeobachteten Moment in der Wahlkabine dem Wahl-O-Mat-Teufelchen nachgegeben und aus kleinlichen politischen Überzeugungen heraus die Stabilität unseres Landes aufs Spiel gesetzt.

Ich schäme und entschuldige mich hiermit in aller Form. Für alles, was die SPD in der Opposition und Frau Merkel mit ihren Jamaika-Rackern in den nächsten vier Jahren anrichten, übernehme ich selbstverständlich die volle Verantwortung. Für die AfDeppen kann ich aber nix (dazu siehe Wahlnachlese – Teil 1).

Obwohl – ein bisschen stolz bin ich schon, dass ich zum ersten Mal in meinem bescheidenen Wählerleben statistisch genau bescheinigt bekommen habe, was meine Einzelstimme wert ist: exakt 0,17 Prozent (siehe Grafik). Nur ich weiß, wer im Wahlbezirk 70 hinter dieser einen Stimme mit dem geballten Gewicht von 0,17 Prozent steckt. Sie jetzt natürlich auch. Aber Sie halten sich ja gewiss an das Wahlgeheimnis.

*Übersetzung für Leserinnen/Leser mit der Gnade vordigitaler Geburt: Oh, mein Gott!

© Satzverstand Oktober 2017

  3 comments for “Wahlnachsorge (2): OMG, was habe ich getan?!

  1. Wombel
    11. Oktober 2017 at 13:49

    Du beschämst mich. (Dankbares Erröten … pardon, Ergrünen)

  2. Wombel
    11. Oktober 2017 at 13:06

    Jetzt wird mir aber wehmütig ums Herz. Sprichst du etwa von derselben „kleinen sympathischen Partei aus dem ökologisch-demokratischen Spektrum“, über die ich weiland 1996 meine Magisterarbeit geschrieben habe? 😉 DU hältst die also seit 20 Jahren auch außerhalb Bayerns am Leben … Dann habe ich es also einzig meinem alten Studienkameraden zu verdanken, dass das noch existierende Exemplar in der Uni-Bibliothek Bonn dem Schicksal, akademisch verlachte Makulatur auf dem großen Müllhaufen gescheiterter Studienprojekte zu werden, bislang entgangen ist? Am Sonntag ist Landtagswahl in Niedersachsen. Solll ich? Soll ich??

    • torotext
      11. Oktober 2017 at 13:30

      Lieber Wombel,
      natürlich steht eine Kopie dieser einzigartigen Arbeit in meinem Literaturtabernakel. Gerne erinnere ich an dieser Stelle auch an Dein wegweisendes Rechercheinterview mit dem damaligen Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Rezzo Schlauch. Eine Sternstunde der Politikwissenschaft, die Dich unter heutigen Medienbedingungen in die erste Reihe der 24-Stunden-Phoenix-Experten gespült hätte. Und wegen Niedersachsen: An wen habe ich beim Verfassen der Selbstanklage wohl gedacht? Tu es!! Tu es!!
      Thomas

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