Was Sie immer schon über Primärbodenbearbeitung wissen wollten

(20.10.17) Der kleine sympathische Agrarhilfsmittelkonzern Monsanto ist momentan echt gebeutelt. EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager prüft ernsthaft, ob die Familienzusammenführung mit der Chemiemanufaktur Bayer möglicherweise mehr als eine Mittelstandsinitiative ist. Auch das Europaparlament macht sich mopsig. Es hat den Monsanto-Vertretern in Brüssel die Ausweise fürs Parlament abgenommen. Nur weil die Lobbyisten zu bescheiden waren, um sich bei einer Parlamentsanhörung ausdrücklich bestätigen zu lassen, wie erfolgreich sie die Risikogutachten zum beliebten Unkrautschreck Glyphosat beeinflusst haben.

Und dann hat eine Europäische Bürgerinitiative auch noch mehr als eine Million Unterschriften aus 22 EU-Ländern gegen eine weitere Zulassung von Glyphosat gesammelt. Es ist erst das vierte Mal in der EU-Geschichte, dass bei einer Bürgeraktion so viele Unterschriften zusammengekommen sind.

Wer gegen so viel Gegenwind anverdienen muss, hat sich ein bisschen Rückenwind verdient. Werfen wir deshalb einen Blick auf die Argumente des geschmähten Multis. Mit einer total schönen Website, die bei Google durch Zauberhand immer ganz weit oben landet, bahnt das Unternehmen der Wahrheit einen Weg durchs Genmaislabyrinth.

Denn Monsanto macht das alles für die Menschen, nicht wegen der Moneten. Klar. Denn ohne Gentechnik, Insektenvertilger und Unkrautvernichter lässt sich die Weltbevölkerung längst nicht mehr ernähren. Auch klar. Obwohl: Die EU und die Welternährungsorganisation FAO haben justament vereinbart, sich jetzt aber mal wirklich darum kümmern zu wollen, dass nicht mehr jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel in der Tonne landen. 1,3 Milliarden Tonnen – das ist etwa ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion. Man könnte, müsste, bräuchte also… aber das sind natürlich rein theoretische Gedankenspiele.

Kommen wir deshalb zum ultimativen Hammerargument der Saatgutgurus. Denn damit treibt Monsanto seinen Kritikern die Schamesröte ins Gesicht: Glyphosat ist der ultimative Klimaretter!

Damit sind wir endlich beim Thema Primärbodenbearbeitung, auf das Sie schon seit der Überschrift gespannt warten. Im Gegensatz zur Sekundärbodenbearbeitung, bei der Hobbygärtner das Erdreich nur bis zu zehn Zentimeter tief auflockern, um Parademöhren, Origamiradieschen oder Balsamicoschnittlauch zu hegen, geht es bei der Primärbodenbearbeitung der Krume so richtig an den Kragen.

Tief, ganz tief dringt die Pflugschar von Bauer Heinrich in den Boden ein und setzt dabei natürliches, aber böses CO² frei, das im Boden gespeichert ist. So erklärt es uns Monsanto (siehe Originalgrafik). Für Bauer Heinrich heißt das: Gib dem Unkraut ordentlich Gift auf die Mütze, dann musst du es nicht unterpflügen. Der Boden bleibt dicht und das CO² drin.

Ganz ehrlich? Das habe ich nicht gewusst. Da bin ich als kleiner Junge arglos auf dem Trecker von Nachbar Karl mitgefahren und habe begeistert zugeschaut, wie „Onkel Karl“ ohne mit der Wimper zu zucken die Fidschi-Inseln unterpflügt. Hätte man das damals nur schon gewusst. Hätte, hätte, Klimakette.

Tatsächlich gilt der pfluglose Ackerbau unter Agrarexperten als bodenschonend. Der Regenwurm sagt danke. Allerdings, so die Wikipedia-Schlaumeier, erfordere der Pflug-Verzicht „konsequente Krankheits-, Schädlings- und Beikrautregulierungsstrategien“. Denn werden Stroh, Stoppeln und andere Pflanzenreste nicht untergepflügt, „kann es zur Verschleppung von Pilzinfektionen und zu Schädlingsinvasionen in der Folgefrucht kommen“. Also was macht Bauer Heinrich? Richtig: Ordentlich „Beikrautregulierer“ auf die Scholle – und zack fühlt sich das Klima wieder wohl.

Dank der Giftmixer von Santo Montebayer könnte die Weltklimakonferenz im November in Bonn ein Erfolg werden. Die Delegierten müssten sich nur zu der Forderung durchdringen, statt Palmöl kräftig Glyphosat ins Benzin zu mischen. Sicher kann man auch den Diesel mit einem Softwareupdate unkompliziert auf Herbizid-Hybrid umstellen. Bauer Heinrich mottet seinen Pflug ein und wir dürfen wieder ordentlich Gas geben, um obendrein den Regenwald zu retten.

Dazu passt eine weitere Notiz aus Brüssel. Die Kommission hat jetzt geprüft, ob eigentlich irgendjemand von der EU-Richtlinie zum nachhaltigen Einsatz von Pestiziden Notiz nimmt. Das Ergebnis im Twitter-Format: Klasse Regeln zum Schutz von Umwelt und Gesundheit. Hält sich aber keiner dran. So traurig.

Unterdessen gibt es bei uns dramatisch weniger Insekten und als Folge auch immer weniger Vögel. Für den Klimaschutz muss man halt Opfer bringen. Mögliche andere Schlussfolgerungen überlasse ich gerne Ihnen und bedanke mich artig, dass Sie der kleinen landwirtschaftlichen Exkursion bis hierher gefolgt sind.

Zum guten Schluss ein Hoffnungsschimmer: Nicht zuletzt das nachgewiesene Beeinflussen diverser Glyphosat-Gutachten durch Monsanto hat die EU-Parlamentarier so erzürnt, dass die anstehende Verlängerung der Zulassung über 2017 hinaus tatsächlich auf der Kippe steht. Sogar ein Verbot ist nicht mehr undenkbar. Außerdem hat das Europaparlament Anfang Oktober einen sehr industrienahen Vorschlag der EU-Kommission blockiert, durch den viele hormonverändernde Chemikalien in Schädlings- und Unkrautvernichtungsmitteln als unbedenklich eingestuft werden. Oft ist Europa eben doch besser als sein Ruf.


© Satzverstand, Oktober 2017

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