„Shize“ sagt man nicht, „shyze“ schreibt man

Ist das zu glauben? Die Thalia-Filiale meines Vertrauens hat mein Zeugnis nicht anerkannt. „Gilt nicht, zu alt“, sagt die sonst sehr freundliche Buchhändlerin knapp. „Dabei ist sie mindestens in meinem Alter. Aber das sage ich ihr nicht.

Bis heute gab´s bei den Bücherdealern einen 20-Prozent-Gutschein für eine Eins in Deutsch. Aus pädagogischen Gründen waren in den Nachlass auch alle einbezogen, die sich im Vergeich zum Vorjahr um mindestens eine Note verbessert haben.

Das trifft auf mich zu. Von der Unter- zur Obertertia habe ich mich von einer Drei auf eine Zwei verbessert. Das war zwar im vorletzten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts. Aber ein Zeugnis ist doch eine zeitlose Urkunde.

Leider nicht bei Thalia. Stattdessen habe ich mir dann einen neuen Duden geleistet. Denn 20 Jahre nach dem Waterloo der Gegner der Rechtschreibreform vor dem Bundesverfassungsgericht bin ich einfach nicht mehr im Vollbesitz meiner orthografischen Kräfte. Und längst kann man sich nicht mehr auf seinen Bauch verlassen, wenn man etwas liest, das nicht mit Gefühl, sondern nach Gefühl geschrieben wurde.

Da ist zum Beispiel der Onlinekommentar eines Vaters zum Schwimmunterricht in Bonn (siehe Auszug). Dass viele Schwimmbäder „im Arsch“ sind, stimmt nachweislich – wenngleich das Gebäudemanagement der Bundesstadt den Sachverhalt deutlich prosaischer kleinzureden pflegt.

Der Vater findet das Ganze schlicht „shize“. Das kann ich inhaltlich absolut, orthografisch aber keinesfalls tolerieren. Alter! Können denn selbst die Eltern nicht mehr halbwegs korrekt „scheiße“ schreiben?

Aber ich habe dem Protest-Papi schwer unrecht (oder Unrecht) getan. „Shice“ ist gar nicht falsch, sondern „Forendeutsch“. „Man benutzt es, wenn man das Wort `Scheiße´nicht aus seinem Beitrag herausgelöscht haben möchte“, lerne ich bei der einschlägigen Recherche. Auch die Schreibweise „shyze“ erfreue sich einer gewissen Beliebtheit. Aha.

„Dann schreibt ja demnächst jeder, wie er will“, haben die Gegner der Rechtschreibreform 1998 behauptet. Sehr weitsichtig. Dabei waren damals die Netzwerke noch nicht einmal sozial.

Um den Rahmen zu schließen: Wegen meines Zeugnisses habe ich nicht nur nicht 20 Prozent bekommen, sondern auch noch Ärger mit meiner Frau. Weil ich mein Tertia-Testat offen habe rumliegen lassen. Ein zielsicherer Blick auf die MINT-Region hat unserem Sohn gereicht, um den sorgsam aufgebauten „Wir früher“-Mythos mit einem kumpelhaften Augenzwinkern zu erledigen.

© Satzverstand, 10. September 2018

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