Halboffener Brief: Was ICH Bernd Stelter vorwerfe

Quelle: „Generalanzeiger“ Bonn vom 25.02.19

Ausgerechnet in Köln stößt der Karneval an seine Grenzen. Eine Alaaf-Touristin aus Thüringen (!) stellt Bernd Stelter auf offener Gürzeni(s)ch-Bühne wegen seiner Witze über ehefrauliche Doppelnamen zur Rede.

Der Saal hält zu Stelter, der Web-Mob fällt über die humorbegrenzte Frau Möller-Hasenbeck her und die Frauenbewegung hat eine neue Heldin. Am #StelterGate können sich jetzt Generationen von Soziolog*(inn)en vom/n dem/der Bachelor(ette) über den/die MasterIN bis zur Doktor/in-Arbeit abarbeiten.

Was lässt sich zur Verteidigung Stelters vorbringen? Etwa, dass sich Herr Dr. Klöbner bis heute nicht bei Herrn Müller-Lüdenscheid für das Fremdwannenbaden entschuldigt hat. Doch nicht einmal die Enten stört das. Und selbstverständlich wird sich Frau Kramp-Karrenbauer vor dem nächsten Karriereschritt den geschmeidigen Exportweltmeister-Doppelnamen Annegret Volksaudi-Benz aneignen.

Aber ich möchte Bernd Stelter gar nicht verteidigen. Denn er hat vor langer Zeit den Freiheitskampf Westfalens verraten. Wie vor ihm Jürgen von der Lippe (Bad Salzuflen) und nach ihm Rüdiger Hoffmann (Paderborn) hat sich Bernd Stelter (Unna) vom WDR-Mammon blenden und gewissenlos vor den linksrheinischen Karren spannen lassen. Das wird man ja wohl noch beklagen dürfen.

Zwar lebe ich auch schon ein paar Jahre im Rheinland, aber doch bitteschön aus rein völkerkundlichem Forschungsinteresse. Nie käme ich auf die Idee, die Unabhängigkeit Westfalens aus Herz und Blick zu verlieren.

Meine persönlich, menschliche Enttäuschung hat damit zu tun, dass ich mit dem Bernd mein erstes Zeitungsinterview als angehender „Lokalreporter“ geführt habe. Das war im Dezember 1986 in meiner westostwestfälischen Heimat. In eben jenem Garten Eden, der dem Kölner im Jahr 3 vor Mauerfall noch als „die DDR des Rheinlands“ galt. Das ist nicht vergessen, lieber Jürgen Becker!

Für den Bericht in der Heimatzeitung habe ich damals zehn Mark Foto-Honorar und 15 Pfennig pro Zeile bekommen. Aber ich will nicht klagen. Das war gerade mal vierzig Jahre nach dem Krieg viel Geld. Und es gab damals ja noch 3,5 Prozent Zinsen auf das Jeanssparbuch bei der Volksbank.

Aber zurück zum Freiheitskampf. In unserem „Hintergrundgespräch“ in der Gaststätte Wilpers am Hellweg ging es damals natürlich auch um die richtige und wichtige westfälische Sache. Ich dachte damals, wir seien uns verschworen einig in der Losung „Los vom Rheinland“.

So kann man sich irren. Ein paar fette Honorare für Auftritte als „Werbekaufmann“ im Kölner Karneval später hat der Bernd flugs die Seiten gewechselt. Traurig.

Jahre später bin ich ihm noch mal begegnet. Im Simons-Discount (SiDi) in Bornheim-Hersel zwischen Bonn und Köln. Um 12 Uhr schlurfte er in Schlabbershirt und Jogginghose mit einer Tüte Frühstücksbrötchen zur Kasse. Er hat mich übersehen, ich habe ihn nicht angespochen. Denn wer unrasiert erst mittags frühstückt, ist unweigerlich an den rheinischen Schlendrian verloren.

Übrigens: Bernd Stelter hat nur ZWEI Haare auf der Brust. Ätsch!

Allen, die sich weitergehend für den allenfalls aus Terminschwierigkeiten aufgeschobenen Freiheitskampf der Westfalen interessieren, sei das 2017 erschienene Buch „Befreit Euch!“ des Tiefenhistorikers Erwin D. Drüggelte ans Herz gelegt.

© Satzverstand – 28. Februar 2019

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