Neulich bei den Dingen, die man bestimmt noch mal brauchen kann

Der Jahreswechsel eignet sich laut Expertenrat hervorragend zum Abschied von Dingen. Tabula rasa, Neuanfang. Ballast abwerfen, Besitz belastet. Dinge loszulassen befreit die Seele. Es reist sich besser mit leichtem Gepäck.

Andererseits: Führt die Corona-Krise uns nicht gerade schmerzlich vor Augen, dass es so schlecht nicht ist, neben Klopapier noch ein paar mehr Dinge auf Vorrat zu haben?

Nun ist es so, dass durchschnittliche Deutsche im Schnitt 10.000 Dinge lagern. Büroklammern, Reißzwecken, Dichtungsringe und Stecknadeln eingerechnet. Das hat das Statistische Bundesamt vor knapp zwanzig Jahren mal ausgerechnet. Seitdem geistert diese Zahl durchs Netz und wird munter voneinander abgeschrieben. Inzwischen hatten die durchschnittlichen Deutschen jedoch zwei Jahrzehnte Zeit, ihren Dinge-Bestand in Schubladen, Kellern oder Garagen zu verdoppeln.

Zum weiteren Verständnis zunächst ein kurzer Abstecher in die Welt der Statistik: Queen Elizabeth II. ist seit 73 Jahren mit Griesgram Philip verheiratet. Ihr Vor-Vor-Vor….Vorgänger auf dem Thron, Heinrich VIII., hat das Eheversprechen „Bis dass der Tod uns scheidet“ sehr ernst genommen und sechsmal geheiratet. Statistisch betrachtet haben die Queen und der King jeweils 3,5 Mal die Trauringe getauscht.

Übertragen auf meinen persönlichen Dinge-Bestand heißt das: 136 durchschnittliche Deutsche können gerade einmal das besitzen, was sie am Leibe tragen, um mit mir auf einen gemeinsamen 10.000-Dinge-Schnitt zu kommen.

Damit kein Neid aufkommt: Ein Kleinteil meiner persönlichen Dinge besteht aus zehn Briefmarkenalben mit geschätzt 13.765 gezähnten Dingen, einer steinreichen Fossiliensammlung und ansehnlichen Zahl an Kugelschreibern, Blei- und Buntstiften, die mir von der Einschulung über Ausbildung, Studium und diverse Arbeitsstellen ans Herz gewachsen sind.

Bislang ungezählte Dinge warten als Schrauben, Muttern, Nägel, Dübel, Imbusschlüssel, Lüsterlampenbirnen neben anderen jederzeit brauchbaren Kleinteilen aus dem Gelegenheitsheimwerkersortiment bescheiden auf ihren großen Tag. Inzwischen habe ich es mir aber mit extremer Selbstdisziplin abgewöhnt, auf dem Radweg zur Arbeit wertvolle Spezialschrauben von Sperrmüllmöbeln am Wegesrand abzuschrauben. Bis auf ganz wenige Ausnahmen, die man jetzt wirklich noch mal brauchen kann.

Über die diversen Urlaubseimerchen mit Nordseemuscheln im Schuppen könnte man streiten. Aber wegwerfen? Was, wenn der Euro scheitert? In der Geschichte der Menschheit wurde länger mit Muscheln bezahlt als mit D-Mark. Mit Blick auf magere Renten haben wir auch unsere Vinyl-Platten nie aufgegeben. Die „20 größten Erfolge der Fischer-Chöre“ standen gestern in den Ebay-Kleinanzeigen bei drei Euro. Das sind sechs Mark! Hören Sie nicht auf Friedrich Merz, investieren Sie für´s Alter in unsere LPs!

Dank eines belastbaren Altglasbestandes sind wir in der Lage, Marmelade, Gemüse und Früchte bis Covid-99 einzuwecken. In unserem vor 15 Jahren ausgemusterten, aber für alle Fälle im Keller zwischengelagerten alten Kühlschrank überdauern neben Einmachgläsern auch alleinstehende Teller, verwitwete Tassen, verwaiste Tupperware und geschiedene Dosendeckel.

Als Wegbegleiter einer stattlichen Strecke Technikentwicklung blicke ich gerne liebevoll in den großen Karton mit dem Aufkleber „Foto- und Telefonapparate 1974 bis 2010“. Ein bisschen Stolz bin ich auf den originalverpackten Osram-Blitzwürfel mit vier unverschossenen Lichtblitzen für ganz besondere Momente – vielleicht auch als Grabbeigabe.

Leider habe ich den Ataria-Mega-ST zur Jahrtausendwende in einem Moment der Schwäche in lieblose Flohmarkt-Hände abgegeben. Aber Apple wird bestimmt irgendwann als „One more thing“ einen iAtaria-Revival ankündigen, mit dem ich sorgsam gehütete Diskettenschätze aus den 90ern noch ein letztes Mal zum Leben erwecken kann.

Sollte Ihnen das Ladekabel für Ihr Siemens S10 abhanden gekommen sein, melden Sie sich gerne. Unser Sohn zeigt Ihnen fachkundig unser gut sortiertes Kabel- und Verbindungsstecker-Equipment. Er leitet den Fachbereich „Dinge digital“. Dereinst soll er mal über allen Dingen stehen.

Dazu ist er auf dem richtige Weg. Zu Weihnachten hatte er sich Elektronikzubehör gewünscht, das neben Eurosteckern auch vier englische Adapter enthielt. Wir haben erst sechs. Trotzdem weigerte sich der wohlgeratene Spross, die bedauernswerte Brexit-Ware in die gelbe Tonne zu kloppen. Als er leise sagte „Die können wir doch bestimmt noch mal brauchen“, übermannte mich die Rührung.

Damit hier kein Messi-Eindruck entsteht: Selbstverständlich können wir uns jederzeit von Dingen trennen. Traditionell beginnen wir das neue Jahr mit den „Mehr raus als rein“-Wochen. Das klappt wie mit allen Neujahrsvorsätzen sehr sehr gut. Jeder muss bis Ende Januar pro Tag ein Ding aussortieren. Im Familienrat überlegen wir dann in einem mehrstufigen Abwägungsprozess, ob man dieses Ding auch wirklich nicht mehr brauchen kann. Erst heute habe ich eine verbogene Büroklammer weggeworfen. Die ließ sich echt nicht mehr zurechtbiegen. Obwohl… noch war die Müllabfuhr nicht da.

 

© Satzverstand – 10.01.2021

PS: Bücher zähle ich aus Respekt nicht zu den Dingen. Sollte das Statistische Bundesamt dies als Dinge-Hinterziehung werten, bin ich gerne zu einem Musterprozess vor dem Bundesdingeverwaltungsgericht bereit.

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