Drüggelte reloaded – Radiologie (1)

Erwin D. Drüggelte leistet auf vielen Gebieten Grundlagenforschung. Die Serie „Drüggelte reloaded“ dokumentiert Auszüge seiner vordigitalen Radiologie-Vorlesungen am Hellweg-Hertz-Institut für lokalradiologische Studien und Praxis in Soest.

Radiologie (1):
Geschichte und Funktion des Ein-Aus-Schalters

In der Regel sind es die kleinen Dinge, an denen alles hängt. In der elektrischen Welt ist es der Ein-/Aus-Schalter. Ohne die bescheidenen Dienstleister an den Rändern der Geräte funktioniert keine Kaffemaschine, kein Rübenhäcksler, kein Laubsauger und kein Kernkraftwerk.

Die Physik lehrt, dass nur durch einen geschlossenen Kreis Strom fließt. Das ist dem griechischen Erfinder Elektrostatikles noch nicht bekannt. Sein Radio, das er 490 vor Christus aus einfachen Materialien zusammendröselt, besitzt noch keinen Einschalter. Die geplante Liveübertragung des ersten Marathonlaufs der antiken Weltgeschichte fällt aus.

Rund 1.500 Jahre lang steht das Gerät nutzlos in der Geschichte herum. Erst am 6. Juli 1587 schnitzt der westostwestfälische Wanderarbeiter Jobst Hinrich Stromstrupp während einer Erntepause einen primitiven Ein-Aus-Schalter aus Espenholz. Doch mangels Radio und Strom bleibt auch dieser radiologische Quantensprung erst einmal ohne Beachtung.

240 Jahre später erbt Stromstrupps Nachfahre Heinrich Göbel aus Springe rechts neben Ostwestfalen (von unten aus gesehen) die in krakeligem Plattdeutsch notierte Bauanleitung. Als Feinmechaniker erkennt er die Brisanz. 1848 wandert Göbel nach Amerika aus. In New York entwickelt er aus Stromstrupps Vorlage den ersten Lichtschalter der Welt. Jetzt kann er endlich seine Kohlenstoff-Glühlampe einschalten, die er zwei Monate zuvor und deutlich eher als der Aufschneider Thomas Alva Edison erfunden hat.

Der Siegeszug des Ein-Aus-Schalters ist danach nicht mehr aufzuhalten. Er wird jetzt in nahezu alle elektrischen Geräte eingebaut, mit denen man bis dato nichts anfangen konnte: Toaster, Trockenhaube, Eierkocher. In Göbels alter Heimat sorgt der Stromstrupp-Schalter für einen Boom der elektrischen Heizdecke. Eine Welle von Kaffee-Kutschfahrten setzt ein. Sie legt den wirtschaftlichen Grundstein für den als Gründerzeit bezeichneten Aufschwung im frischgebackenen Kaiserreich.

Auch mit dem Radio geht es voran: Als Heinrich Schliemann im Sommer 1873 in Troja den Schatz des Priamos ausgebuddelt hat, fand er neben viel Goldgedöns auch eine silberne Schatulle und darin das Ur-Radio von Elektrostatikles. Es ist wohl vor Zeiten zusammen mit dem Trojanischen Pferd als Gastgeschenk in die Stadt gelangt.

Jetzt kommt zusammen, was zusammengehört: das Radio von Elektrostatikles, der Stromstrupp-Schalter und die passenderweise 1886 von Heinrich Hertz erfundene elektromagnetische Welle. Ob am Ende ein Herr Tesla oder ein Herr Marconi den verbindenden Dreikomponentenkleber erfunden hat, ist im Rückblick unerheblich. Hauptsache, das Radio funktioniert endlich!

Nach dem historischen Exkurs jetzt schnell noch das Wesentliche zur Funktion. Gut 100 Jahre lang wird durch den Ein-Aus-Schalter der Radiostromkreis verlässlich geschlossen oder unterbrochen. 1991 wird dann im neuen Rundfunkstaatsvertrag für das wiedervereinigte Deutschland der Stromkreis zwischen Sendern und privaten Endgeräten gesetzlich auf Dauer geschlossen.

Hochwertiger Wechselstrom ermöglicht jetzt eine wechselseitige Kommunikation. Der Ein-Aus-Schalter bekommt eine neue Aufgabe: Wer sein Radio einschaltet, empfängt das eingestellte Programm. Wer das Gerät ausschaltet, wechselt in den Sendemodus. Jetzt kann der zuvor gewählte Sender hören, was sich vor dem Kundengerät abspielt. Strenge Datenschutzvorgaben regeln, was die einzelnen Radiostationen vom Gehörten weitersenden dürfen und was nicht.

Mit der gleichen Wechselstromtechnik decken vor allem die privaten Fernsehsender nach der Jahrtausendwende die steigende Nachfrage nach Dokusoaps und Reality-TV. Also besser nicht mehr in der Nase bohren, wenn Sie Ihren Fernseher ausgeschaltet haben.


Demnächst: Radiologie (2) – Der Dauerstreit um das Radiowellen-Endlager

© Satzverstand Oktober 2017

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