Nur keine zweite „Schmach von Cordoba“

Dies ist der erste Satzverstand-Beitrag nach dem 0:1 gegen Mexiko. Eigentlich sollte dieser Blog komplett WM-frei bleiben. Aus Prinzip. Aus Protest gegen den Kommerz und die korrupte Fifa.

Eigentlich. Aber jetzt ist keine Prinzipienreiterei mehr angesagt. Jetzt braucht das Team uns alle. Nicht auszudenken, wie die momentan auf dem mentalen Zahnfleisch kickende Nation auf ein Vorrundenaus reagieren würde. Das Mindeste wäre ein gemeinsamer Rücktritt von Angela Merkel und Jogi Löw.

Für mich gibt es auch noch einen persönlichen Grund, um in den WM-Vollmodus zu schalten: Vor fast genau 40 Jahren, am 21. Juni 1978, hat die deutsche Fußballnationalmannschaft im argentinischen Cordoba 2:3 gegen Österreich verloren. Ein Trauma wie die Schande von Cordoba will ich nicht noch einmal erleben!

Vier Jahre zuvor hatten Onkel Hans und Tante Marianne sich wie viele Bundesbürger einen neuen Fernseher gekauft. Das leuchtende Oranje im WM-Finale von München 1974 ist meine erste Erinnerung an das Farbfernsehen. Kleines dickes Müller, Netzer und Beckenbauer dribbelten ja auch in Farbe schwarz-weiß.

Vier Jahre lang waren danach auch wir beim Pölen im Kamp Weltmeister. Dass Deutschland 1978 erneut Champion wird, war für uns Elf- und Zwölfjährige ausgemachte Sache.

Aber dann das: 0:0 gegen Polen, ein Mutmacher-6:0 gegen Mexiko (seufz!), dann wieder ein 0:0 gegen Tunesien. Weiter mit Ach und Krach. Anschließend in Finalrunde 1, die es damals noch gab, ein 0:0 gegen Italien und ein 2:2 gegen die Niederlande.

Im abschließenden Gruppenspiel gegen Österreich ging es also um Alles. Dass wir bei meinem Freund Franz-Josef, dessen Eltern eine florierende Gaststätte betrieben, beim Fußballgucken Cola ohne Ende trinken durften, trug nicht gerade zu unserer Beruhigung bei.

1:0 durch Rummenigge in der 19. Minute. Dieses Tor hatten wir so gut wie mitgeschossen: Kalle Rummenigge kommt aus Lippstadt, gerade mal zehn Kilometer Luftlinie von uns fünf Nervenbündeln entfernt.

Um es kurz zu machen: Nach dem Eigentor von Berti Vogts in der zweiten Halbzeit waren wir sprachlos, nach der 2:1-Führung für Östereich fassungslos, nach dem 2:2 durch Hölzenbein vor Spannung scheintot und nach dem entscheidenden Krankl-Tor zum 3:2 für Österreich reif für die Klapse. Und so unglaublich wütend, wie man nur in diesem Knirpsalter wütend sein kann.

Wir sind sofort nach dem Schlusspfiff in den Kamp gegangen und haben uns eine Stunde lang die Enttäuschung aus Kopf und Bauch gepölt. Aber die Schmach von Cordoba hat sich auf ewig in die jungen Seelen eingebrannt.

Schuld an dieser Schmach war eigentlich der damalige, unsägliche DFB-Präsident Hermann Neuberger. Er hatte zuvor verhindert, dass Beckenbauer und andere Topspieler auflaufen dürfen – weil sie im Ausland kickten. Paule Breitner wurde wegen seiner Widerworte ausgemustert. Eigentor-Berti dagegen war ein Braver und durfte mit nach Argentinien. Aber das wussten wir damals alles nicht. Wäre Neuberger heute noch am Ruder, stünde Jogi Löw mit fünf Mann auf dem Platz.

Deshalb werfe ich jetzt den Verstand über Bord, hänge mich an Jogis Lippen und stehe kurz davor, mir die Deutschlandfahne für die Windschutzscheibe zu besorgen. Nur kein zweites Cordoba! Denn 40 Jahre später kann ich mir bei einem frühen WM-Aus die Wut nicht mehr wegpölen. Arthrose im linken Schussgelenk.

© Satzverstand, 18. Juni 2018

  2 comments for “Nur keine zweite „Schmach von Cordoba“

  1. Ralf Breitgoff
    20. Juni 2018 at 9:34

    Sehr, sehr passend! Und vor allem geprägt von unbändigem Sachverstand. Da hat einer verstanden, worum es im Fußball letzten Endes wirklich geht.

    • torotext
      20. Juni 2018 at 11:04

      Das ehrt mich um so mehr, als dieser Kommentar von einem der letzten Universalfußballgelehrten dieser Erde stammt. Danke, lieber Ralf.

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